2.2.2.1 Spiel
Besinnung - Jeder Mensch versucht seinem Sinn einen lebenserfüllenden Ausdruck zu geben.
Die Jugend sei frech, faul, respektlos, heisst es. Nun besinnt sich ein Pädagoge auf alte Werte. Bernhard Bueb fordert über trügerische Glücksversprechen von Reichtum und attraktiven Körpern, Zucht und Ordnung, Strenge, Härte und Disziplin» fordert. Die Fürsorge gebiete dies manchmal ohne Debatte. Nach all dem Debattieren, Psychologisieren, Reformieren der letzten Jahrzehnte sehnten sich die Menschen nach Klarheit. Bloss nicht auf Einsicht vertrauen. Bloss keine Diskussionen. Zwischen Vergehen und Vergeltung darf kein Wort Platz haben. Oder, wie Bueb jetzt mit Nachdruck sagt: «Strafandrohungen wirken nur, wenn Gewissheit herrscht, dass Regelübertretungen entdeckt werden.»
Doch wenn es um Erziehung geht, helfen fixe Ideen nicht weiter. Manchmal ist Konsequenz gefragt, dann wieder Nachsicht, manchmal beides, sicher Liebe, manchmal Einmischung, dann wieder Vertrauen, Einfühlungsvermögen, manchmal Diskussionen, manchmal Befehle, manchmal Belohnungen. Oft sind Lob und Geduld sehr nützlich. Das also und noch viel mehr braucht es, wo das verpönte zwischenmenschliche Verständnis der relevanten Lebenserfüllungsprinzipien fehlt. Man will und das seit der römischen kulturellen Kollektivierung des Bewusstsein - jeder Kaiser musste sich ZG>*3 (Kampf um die Macht)>?0>+2/-4 (Brot und Zirkus) >%1,5,6 (Reichssicherung). Damit gehört es zum guten Ton, über sich zu klagen, wenn man über sich spricht, wenn an diesem Masstab schon die römischen Kaiser am Schluss immer eine erbärmliche Figur machten...
Nicht «Zuckerbrot oder Peitsche?» sei die grosse Frage der Psychopolitik, pardon, Pädagogik, sondern «Was wann? Und in welcher Form?». Und die meisten pädagogischen Theorien stossen da mit «Urteilskraft» oder «gesunder Menschenverstand» kommen da an den Anschlag.
Für ihn sei das Glas immer halb voll (?0),so Bueb. Den Grund für seinen Optimismus sieht er in seiner Fantasielosigkeit. Fantasielose Menschen seien immer etwas glücklicher; es falle ihnen einfach nicht so viel ein, weil es ihnen an Ideen fehle. Ordnung sei für ihn deshalb das Fundament menschlichen Lebens und daher auch jedes gedeihlichen Aufwachsens. Und solcherart aus eigenen Nöte gemachte Tugenden, Selbstrezepte, fliessen dann in die Pädagogik ein, die auf Höflichkeit, Pünktlichkeit, und damit politische Korrektheit hinausläuft.
Das wiederum provoziert renommierte, mit Professorenwürde ausgestattete Pädagogen, Psychologen und Psychiater zur Herausgabe einer Gegenschrift, gegen Bueb mit «Vom Missbrauch der Disziplin» und im Untertitel «Antworten der Wissenschaftauf Bernhard Bueb». Mit wissenschaftlicher Akribie werden dort seine Provokationen zerlegt, und zwar so gründlich, dass die Reaktion auf das Ärgernis um einiges umfangreicher ausgefallen ist als dieses selbst. Buebs Erziehungsideale glichen den Erziehungsidealen, die sich in den Fünfzigerjahren (in deren Kreisen) nahtlos an die der Nazi-Ideologie angeschlossen hätten. Das «Lob der Disziplin» gehöre in eine lange kulturkämpferische Tradition, die männlich militärische Werte bewahren wolle und sich gegen eine Humanisierung der Erziehung richte. Bueb, dem grossen Verehrer angelsächsischer Internate, wird Unkenntnis dieser Institutionen nachgewiesen. Und nicht zuletzt zeigen die Wissenschaftler, dass Bueb ein grundverkehrtes Feindbild pflegt. Das angebliche Laisser-faire-Ideal der 68er-Generation präge bis heute das erziehungsfeindliche Klima in Deutschland, so das «Lob der Disziplin». Die 68er waren vieles, tönt es im «Missbrauch der Disziplin» zurück, nur nicht Laisser-faire, im Gegenteil: Bei den führenden Köpfen - man denke an einen Rudi Dutschke - paarte sich gesellschaftspolitische Rigidität mit perfekter Humorlosigkeit; in ihrem Habitus waren die deutschen 68er ihrer kompromittierten Vätergeneration erstaunlich ähnlich.
Heute wissen alle, dass man sich bemühen und dennoch keine Lehrstelle finden kann und Disziplin kein Garant fürs Wohlergehen ist, geschweige denn für Erfolg. Bis fünfzehn hielt man Bueb für fleissig, aber dumm, und so sah er sich auch selber. «Bis ich auf diese Lehrerin traf, die an mich glaubte und mich mochte.» Da habe sein langsamer schulischer Aufstieg begonnen, erzählt Bernhard Bueb. «Man muss an sich glauben. Aber auch andere müssen an einen glauben», sagt Bueb - im Widerspruch zu seinem Selbstrezept, beides im Widersprich zur Zeitgeistlehrmeinung. So läuft die Geisterwirtschaft sich selbst aus dem Ruder, und über die Beliebigkeit ihrer Lebenswirklichkeitsneider/-hasser ins Chaos..